Pflegereform 2027: Was das PNOG für Ihren ambulanten Pflegedienst bedeutet
Sachlich eingeordnet: Was bereits gilt, was geplant ist und was Sie jetzt tun können.
Pflegereform 2027: Was ist beschlossen, was ist nur geplant?
Mit dem Kabinettsbeschluss vom 30. September 2026 hat die Bundesregierung den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) auf den Weg gebracht. Damit liegt ein Regierungsentwurf vor – die von der Bundesregierung beschlossene Fassung. Das Gesetz ist jedoch noch nicht verabschiedet: Bundestag und Bundesrat müssen sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren damit befassen. Bis zum Inkrafttreten einer beschlossenen Neuregelung gilt das derzeitige Recht.
Für ambulante Pflegedienste ist der neue Stand relevant, weil der Entwurf zentrale Veränderungen bei Leistungsbudgets, Sozialraumbudget, Begutachtung und Pflegebegleitung vorsieht.
Was dabei leicht übersehen wird: Höhere Leistungsbeträge bedeuten nicht automatisch eine entsprechende Leistungsausweitung. Die Erhöhung der zentralen Leistungen bei häuslicher Pflege wird nach Darstellung des BMG durch die Bündelung bisher separater Leistungen ermöglicht. Beim Sozialraumbudget steigt der monatliche Betrag, zugleich wird der Kreis der damit finanzierbaren Leistungen enger gefasst. Wer nur die neuen Beträge mit den bisherigen vergleicht, kann deshalb die veränderten Anspruchs- und Verwendungsmöglichkeiten übersehen.
Für ambulante Dienste heißt das: Es verändert sich nicht nur die Beratung von Kundinnen, Kunden und Angehörigen, sondern je nach Leistungsstruktur auch die eigene Erlössituation. Gleichzeitig können sich neue Aufgaben- und Versorgungsfelder ergeben.
Auf dieser Seite trennen wir weiterhin zwischen geltendem Recht, dem aktuellen Regierungsentwurf und den Punkten, die sich im parlamentarischen Verfahren noch verändern können.
Stand: 12. Oktober 2026. Wir aktualisieren diese Seite, sobald sich der Gesetzgebungsstand ändert.
Quellen: Pressemitteilung des BMG zum Kabinettsbeschluss und Gesetzentwurf der Bundesregierung (PDF)
Was die Reform für ambulante Pflegedienste bedeutet
In der öffentlichen Debatte geht es um Pflegegeld und Angehörige. Für ambulante Dienste liegen die Folgen woanders – bei den Erlösen. Vier Punkte sind aus unserer Sicht entscheidend. Wie stark es Sie trifft, können Sie mit unserem kostenlosen Rechner selbst durchrechnen.
Beratungseinsätze nach § 37 Abs. 3 bleiben bis Ende 2028 und werden vorübergehend ausgeweitet
Die Beratungseinsätze nach § 37 Abs. 3 SGB XI bleiben nach dem Regierungsentwurf bis zum 31. Dezember 2028 bestehen. Die neue Pflegebegleitung nach § 7c SGB XI soll erst zum 1. Januar 2029 eingeführt werden.
Für ambulante Pflegedienste verschiebt sich damit ein erwarteter Einschnitt um ein Jahr. Hinzu kommt: Der Regierungsentwurf sieht zusätzliche Beratungen vor. Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 und 3, die Pflegegeld beziehen, sollen in den ersten drei Monaten nach erstmaligem Erhalt eines Pflegegrades bis zu zwei zusätzliche Beratungen in Anspruch nehmen können. Für Pflegegrad 1 sind ebenfalls zusätzliche Beratungen vorgesehen.
Offen bleibt, ob und in welchem Umfang ambulante Pflegedienste künftig in die neue Pflegebegleitung eingebunden werden können. Für die Planung bedeutet das: Die Beratungseinsätze bleiben zunächst wirtschaftlich und organisatorisch relevant – der Übergang zur neuen Pflegebegleitung verschiebt sich, sollte aber weiterhin vorbereitet werden.
Entlastungsbetrag wird zum Sozialraumbudget – der Leistungskreis wird enger
Aus dem bisherigen Entlastungsbetrag von 131 Euro soll nach dem Regierungsentwurf für die Pflegegrade 2 bis 5 ein Sozialraumbudget von bis zu 175 Euro monatlich werden. Für Pflegebedürftige, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sind bis zu 300 Euro monatlich vorgesehen.
Der Betrag steigt, gleichzeitig wird seine Verwendung deutlich enger gefasst: Das Sozialraumbudget soll ausschließlich für anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag eingesetzt werden können. Leistungen ambulanter Pflegedienste nach § 36 SGB XI können daraus künftig nicht mehr finanziert werden.
Bei Pflegegrad 1 entfällt der bisherige Entlastungsbetrag vollständig. Für ambulante Dienste und andere Anbieter, die heute Kundinnen und Kunden mit Pflegegrad 1 über den Entlastungsbetrag versorgen, fällt damit diese bisherige Refinanzierungsmöglichkeit weg.
Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich: Der Regierungsentwurf rechnet allein durch die Streichung des Entlastungsbetrags in Pflegegrad 1 mit 800 Millionen Euro Minderausgaben im Jahr 2027, ansteigend auf eine Milliarde Euro jährlich ab 2029.
Für ambulante Pflegedienste zählt deshalb nicht nur, dass der Betrag von 131 auf 175 Euro steigt – entscheidend ist, wofür dieses Geld künftig noch eingesetzt werden darf.
Umwandlungsanspruch entfällt – Verhinderungspflege wird neu finanziert
Der bisherige Umwandlungsanspruch, mit dem bis zu 40 Prozent nicht genutzter Pflegesachleistungen für anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag eingesetzt werden konnten, soll nach dem Regierungsentwurf entfallen. Niedrigschwellige Angebote werden künftig über das Sozialraumbudget finanziert. Professionelle Anbieter können bei entsprechender Zulassung Leistungen über das Sachleistungsbudget erbringen.
Auch die Verhinderungspflege wird nach dem Regierungsentwurf nicht mehr als eigenständige Leistung fortgeführt. § 39 SGB XI trägt künftig die Überschrift „Überbrückungsbudget“, ergänzt um Pflegesachleistungen in pflegerischen Akutsituationen nach § 39a SGB XI. Leistungen, die bisher über die Verhinderungspflege finanziert wurden, werden künftig anderen Leistungsbudgets zugeordnet.
Für ambulante Pflegedienste bedeutet das vor allem: Die bisherigen Finanzierungswege verändern sich deutlich. Leistungen, die heute über Verhinderungspflege oder den Umwandlungsanspruch refinanziert werden, müssen künftig anderen Budgets und Voraussetzungen zugeordnet werden.
Entscheidend ist deshalb weniger, ob Flexibilität vollständig entfällt, sondern aus welchem Budget eine Leistung künftig finanziert werden kann und welche Voraussetzungen dafür gelten.
Begutachtung wird enger – neue Schwellenwerte ab 2027
Der Regierungsentwurf hebt die Punktgrenzen für die Pflegegrade 1 bis 3 an. Pflegegrad 1 soll künftig ab 15 statt 12,5 Punkten, Pflegegrad 2 ab 30 statt 27 Punkten und Pflegegrad 3 ab 50 statt 47,5 Punkten beginnen. Die Schwellenwerte für die Pflegegrade 4 und 5 bleiben unverändert.
Zugleich wird die Prognoseanforderung verschärft: In § 14 Absatz 1 SGB XI soll „voraussichtlich“ durch „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ ersetzt werden.
Für bereits eingestufte Pflegebedürftige ist ein Bestandsschutz vorgesehen. Niemand soll allein wegen der neuen Schwellenwerte seinen bestehenden Pflegegrad verlieren. Für neue Anträge und Neubegutachtungen gelten dagegen grundsätzlich die neuen Kriterien.
Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich: Der Regierungsentwurf rechnet durch die Anpassung der Begutachtungssystematik mit 1,3 Milliarden Euro Minderausgaben im Jahr 2027, ansteigend auf 4,2 Milliarden Euro im Jahr 2030.
Für ambulante Pflegedienste bedeutet das: Der Zugang zu den Pflegegraden 1 bis 3 wird schwieriger. Dadurch könnten künftig weniger Menschen erstmals einen Pflegegrad erhalten oder bei einer Neubegutachtung einen höheren Pflegegrad erreichen. Das kann sich mittelbar auch auf Leistungsansprüche und damit auf die Nachfrage nach ambulanten Pflegeleistungen auswirken.
Chancen der Pflegereform für ambulante Pflegedienste
In der Berichterstattung geht es fast ausschließlich um Kürzungen. Der Regierungsentwurf enthält aber auch Fördermittel und neue Spielräume – sie gehen in der Debatte unter.
Digitalisierungsförderung: zwei Förderwege für Pflegeeinrichtungen:
Der Regierungsentwurf sieht zwei Fördermöglichkeiten für die Digitalisierung vor. Der bestehende Förderweg soll bis 2030 fortgeführt werden: Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen können für digitale Anwendungen und damit verbundene Qualifizierungsmaßnahmen einen einmaligen Zuschuss von bis zu 12.000 Euro je Einrichtung erhalten. Gefördert werden bis zu 40 Prozent der eingesetzten Mittel.
Zusätzlich soll von 2027 bis 2031 ein neues Förderprogramm für die Digitalisierung von Pflegeeinrichtungen entstehen. Dafür stellt der Bund 1,6 Milliarden Euro bereit; die Länder sollen weitere Mittel kofinanzieren. Die Mittelvergabe soll am 1. Juli 2027 beginnen.
Förderfähig sind unter anderem digitale Pflege- und Dokumentationssysteme, Verwaltungs- und Managementsysteme, Assistenzsysteme zur Entlastung des Personals, IT-Infrastruktur und IT-Sicherheit sowie die Qualifizierung der Mitarbeitenden im Umgang mit digitalen Technologien.
Für ambulante Pflegedienste ist das eine konkrete Chance – aber sie braucht Vorbereitung. Wer früh weiß, welche Prozesse digitalisiert und welche Systeme angeschafft werden sollen, kann reagieren, sobald die Förderbedingungen feststehen.
Innovationsregel: neue Versorgungskonzepte praktisch erproben
Mit dem neuen § 75a SGB XI sollen zugelassene ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen die Möglichkeit erhalten, innovative Versorgungskonzepte zeitlich befristet praktisch zu erproben. Dafür können gemeinsam mit den zuständigen Kostenträgern Abweichungen von Regelungen der Rahmenverträge nach § 75 SGB XI vereinbart werden, solange gesetzliche Vorgaben und der Schutz der Pflegebedürftigen gewahrt bleiben.
Die Vereinbarung muss unter anderem festlegen, was erprobt werden soll, von welchen Vorgaben abgewichen wird und welche Auswirkungen auf Versorgung und Finanzierung erwartet werden.
Für ambulante Pflegedienste mit neuen Ideen zur Versorgung, Organisation oder zum Personaleinsatz entsteht damit ein geregelter Weg, solche Konzepte unter vertraglich vereinbarten Bedingungen praktisch zu erproben.
Neue Aufgabenfelder: Akutversorgung und Pflegebegleitung
Der Regierungsentwurf sieht mit dem Überbrückungsbudget neue Leistungen für pflegerische Akut- und Überbrückungssituationen vor. Die Versorgung soll insbesondere durch Notdienste in der ambulanten Pflege sowie durch Angebote der Akut-Kurzzeitpflege sichergestellt werden.
Daneben soll zum 1. Januar 2029 die neue Pflegebegleitung in der häuslichen Pflege eingeführt werden. Sie soll Pflegebedürftige und ihre An- und Zugehörigen intensiver begleiten, Versorgungsarrangements stabilisieren und Überforderung frühzeitig erkennen.
Für ambulante Pflegedienste können daraus neue Aufgaben- und Versorgungsfelder entstehen. Noch nicht abschließend geklärt ist, wie diese Strukturen regional umgesetzt werden, welche Anbieter beteiligt werden und unter welchen vertraglichen und wirtschaftlichen Bedingungen Leistungen erbracht werden können.
Was heute noch ein neues Konzept im Regierungsentwurf ist, kann künftig Teil der ambulanten Versorgungsstruktur werden.
Was Sie jetzt schon tun können
Solange Bundestag und Bundesrat nicht entschieden haben, lässt sich nicht alles planen. Drei Dinge lohnen sich aber unabhängig davon, wie die Reform am Ende ausfällt.
Für Träger mit mehreren Standorten kommt hinzu: Die Auswirkungen fallen je Standort unterschiedlich aus. Ohne vergleichbare Zahlen über alle Dienste hinweg lässt sich nicht steuern, wo zuerst gehandelt werden muss.
1 · Wirtschaftlichkeit durchrechnen
Welche Leistungsart liefert welchen Deckungsbeitrag? Wie hoch ist Ihre Auslastung, wie entwickeln sich die Personalkosten? Wer diese Zahlen kennt, kann jede Reformvariante binnen Tagen durchrechnen statt zu schätzen – besonders bei den Erlösen, die nach dem Entwurf wegfallen würden. Für die meisten Dienste ist das der erste Schritt, den wir gemeinsam gehen.
2 · Kundenstruktur und Pflegegrade auswerten
Wie verteilen sich Ihre Kunden auf die Pflegegrade? Wie viele Kundinnen und Kunden mit Pflegegrad 1 betreuen Sie heute über den Entlastungsbetrag? Wie viel Umsatz hängt an Leistungen, die künftig dem Sozialraumbudget zugeordnet würden? Und wie viele Beratungseinsätze rechnen Sie jährlich ab?
Diese Größen entscheiden, wie stark der Entwurf Sie trifft und sie unterscheiden sich von Dienst zu Dienst erheblich. Besonders die Kunden mit Pflegegrad 1 lassen sich sofort beziffern: Dort entfällt der Entlastungsbetrag nach dem Regierungsentwurf vollständig.
Die Auswertung zeigt Ihr Risiko, bevor es eintritt.
3 · Pflegedienstleitung und Kundenberater schulen
Auf Ihre Mitarbeitenden kommen zwei Dinge zu: verunsicherte Kunden und Angehörige, die Antworten erwarten und ein Umbau der eigenen Abläufe, von der Leistungsplanung über die Beratung bis zur Abrechnung. Wir schulen Ihre Pflegedienstleitung und Ihre Kundenberater für diese Gespräche und unterstützen bei der Organisation: mit Arbeitshilfen und Vorlagen, im Projekt begleitend oder, wenn die Kapazität im Haus fehlt, als Interim Management auf Zeit.
Beratung und Schulung zur Pflegereform für ambulante Pflegedienste
Wir beraten ausschließlich ambulante Pflege- und Betreuungsdienste – betriebswirtschaftlich und in der Praxis.
Wirtschaftlichkeitsanalyse: Was trifft Ihren Dienst?
Wir werten Ihre Kundenstruktur, die Verteilung auf die Pflegegrade und Ihre Erlöse je Leistungsart aus. Sie erhalten eine Auswertung, die zeigt, welche Reformpunkte Sie tatsächlich treffen, in welcher Größenordnung und ab wann. Für Träger mit mehreren Standorten stellen wir die Ergebnisse vergleichbar dar, damit erkennbar wird, wo zuerst gehandelt werden muss.
Inhouse-Schulung und Online-Schulung zur Pflegereform
Praxisnah für Pflegedienstleitung und Kundenberater: Was gilt heute, was sieht der Regierungsentwurf vor, was ist noch offen und vor allem, wie erklärt man das Kunden und Angehörigen, ohne zu verunsichern. Wir arbeiten mit typischen Gesprächssituationen aus Ihrem Alltag. Auf Wunsch im Haus, als Online-Schulung oder in Kombination.
Umsetzung, Organisation und Interim Management
Wenn klar ist, was zu tun ist, bleiben wir an Ihrer Seite: bei der Anpassung von Abläufen und Dokumentation, mit Arbeitshilfen und Vorlagen für Ihr Team, bei der Neukalkulation Ihrer Leistungen. Und wenn im Haus die Kapazität fehlt oder eine Leitung ausfällt, übernehmen wir zeitweise selbst – als Interim Management.






